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Neujahr

 

Neujahr 2007  - Ludger Terhart

Weihnachten: Erläuterungen zur Tradition des Weihnachtsfestes im Privatfernsehen. Themen: Geburt und Leben Jesu, der Heilige Nikolaus, die Heiligen drei Könige, das Christkind, natürlich auch der Weihnachtsmann. Interessante Geschichtsstunden verbunden mit historischer Kompetenz und theologischem Hintergrundwissen. Bemerkenswert!

Sylvester: Feuerwerk zum Jahreswechsel. Millionen Deutsche haben das neue Jahr mit einem Feuerwerk begrüßt. Umsatz: geschätzte 100 Mio. €. Eine Jahrhunderte alte Tradition – soll böse Geister vertreiben. Prächtig!

Heute: Kirche in Sterkrade; wird aufwändig restauriert und erstrahlt in noch nicht da gewesenem Glanz. Chic! Großes Plakat mit der Ankündigung: Buchbar ab April 2007: St. Bernardus. Willkommen in der Realität!

Als ich heute Nacht auf der Halde unter dem Kreuz stand und auf das Lichtermeer hinunter schaute, konnte ich auch einige Kirchen erkennen. Meist war es nur das Feuerwerk, welches den Kirchturm in ein helles Licht tauchte – und mit dem Verlöschen des Feuerwerkskörpers verschwand auch der Turm wieder im Dunkel der Nacht. Es war schon sonderbar.

In diesem Jahr werden die Auswirkungen der Strukturreform des Bistums auch die Pfarren in unserer Stadt vollends erreichen. Bereits mit dem Neujahrstag existieren zahlreiche traditionelle Einrichtungen der Stadtkirche nicht mehr, Kirchen werden folgen; weitere Arbeitsplätze wohl auch.

Und ich fragte mich, ob das schon Anzeichen des Verglühens christlicher Traditionen in unserem Land sind. Wir haben uns daran gewöhnt, dass kaum jemand noch die Bedeutung der kirchlichen Festtage wie Weihnachten, Ostern oder Pfingsten kennt, dass kaum jemand die Gottesdienste als festen Bestandteil seines Lebens begreift. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Kirche gemanagt wird, dass – wenn überhaupt - spirituelle 'Events' vonnöten sind, um Menschen in die Kirchen zu holen und dass religiöse Tradition höchstens noch im Zusammenhang mit Kopftüchern im Islam thematisiert wird.

Bietet uns unsere christliche Tradition tatsächlich noch eine zeitgemäße Basis in unserer Gesellschaft? Und was ist christliche Tradition überhaupt? Da  kam mir ein Ausspruch von Papst Johannes XXIII. in den Sinn: Er sagte:

Tradition heißt: das Feuer hüten, nicht: die Asche aufbewahren.

Vielleicht ist es unsere Aufgabe im neuen Jahr, die Asche von der Glut zu entfernen und das Feuer wieder anzufachen. Wäre es nicht wunderbar, wenn wir die Veränderungen nutzen könnten, etwas von der Asche alter Gewohnheiten zu entsorgen und die Glut des Christ seins mit neuen Ideen und Taten wieder anzufachen? Nicht wie das Feuerwerk heute Nacht für einen kurzen, vergänglichen Moment, sondern dauerhaft wie das Zeichen des Kreuzes, dass wir täglich auf der Halde sehen können.

Gehen wir mit Zuversicht in ein traditionsreiches, neues Jahr.

 

Neujahr 2006  - Ludger Terhart

„Wir freuen uns auf das Silvester-Feuerwerk und hoffen, dass es nicht so viele Wolken gibt.“ Das sagte vor ein paar Tagen die Besatzung der internationalen Raumstation ISS. Als ich diese Meldung las, dachte ich, einen solchen Überblick hätte ich auch gerne. Es muss ein toller Anblick sein, über alle Kontinente hinweg, der Erddrehung folgend, das bunte Spektakel ganze 24 Stunden beobachten zu können.

Heute Nacht fiel mir dieser Gedanke wieder ein, als ich die Menschen auf der Halde unter dem Kreuz sah, die dort den Jahreswechsel feierten. Auch von dort oben sieht man das Feuerwerk aus einer anderen Perspektive, es liegt einem geradezu zu Füßen. Nicht das einzelne Detail, sondern die Summe aller Lichter bestimmt das Bild - eine leuchtende, wogende Ebene aus bunten Sternen.

Man muss nicht immer ins Weltall hinaus, um die Dinge mit neuen Augen zu sehen. Es genügen oft wenige Schritte. Ein kleiner Standortwechsel kann manchmal alles verändern.

An der Schwelle zum neuen Jahr machen wir uns unweigerlich Gedanken über die Zukunft. Das ist wohl normal. „Der Wunsch nach sicheren Aussagen über die Zukunft ist so alt wie der Mensch selbst.“ so die Feststellung eines Trendforschers in der gestrigen Tageszeitung. Allerdings, wie wir immer wieder erfahren, ein frommer Wunsch ohne Chance auf Erfüllung.

Wenn wir auf das vergangene Jahr zurückblicken, dann werden wir feststellen, dass die wenigsten Ereignisse tatsächlich korrekt vorhergesagt worden sind, sowohl in unserem persönlichen Umfeld als auch auf nationaler oder internationaler Ebene.

Im Nachhinein haben wir zwar immer alles gewusst, alles ist folgerichtig so gekommen, wie es gekommen ist. Aber im Nachhinein haben wir auch einen anderen Standort, eine andere Perspektive. Denn zurückblicken können wir ohne Probleme, der Blick nach vorne ist uns verstellt. Und das macht uns oft Angst. Dabei bezieht sich diese Angst letztlich immer auf uns selbst, auf die Dinge im Leben, die uns persönlich betreffen.

Vielleicht kann uns ein anderer Blickwinkel ein Stück von dieser Angst befreien - so wie uns, nach dem Weg bis zum Kreuz, der Blick von der Halde aus auf das Feuerwerk das Ganze erkennen lässt, so wie sich dort die einzelnen Details zusammenfügen zu einem beeindruckenden Gesamtbild.

Vielleicht sollten wir uns im neuen Jahr einfach aufmachen, die Halde des Vergangenen zu besteigen und unser Kreuz dort aufzustellen. Über die Details des Jetzt hinweg werden wir dort in dem auferstandenen Christus unsere sichere Zukunft erkennen können. Und um diese Perspektive einzunehmen, müssen wir auch nicht weit hinaus, wir haben sie eigentlich täglich vor Augen.

 

Neujahr 2005  - Ludger Terhart

Jahreswende – Zeit des Abschließens mit dem Vergangenen, Zeit des Neubeginns, des Aufbruchs. Gute Vorsätze für das neue Jahr, die Zukunft denken, hoffen.

Doch diesmal ist alles anders. Das neue Jahr hat ein schweres Erbe angetreten: Tod, Verwüstung, Trauer, Furcht, Entsetzen - das lässt sich nicht für beendet erklären, das lässt sich auch nicht mit Raketen und Feuerwerk vertreiben.

Wir glauben, wir hätten die Welt im Griff und alles unter Kontrolle. Wir haben uns diese Welt angeeignet, gerodet, bebaut, dem Profit und Konsum unterworfen. Erholung und Spaß, Genuss und Abenteuer – wir haben es uns sauer verdient.

Und dann: Statt Glück, Entspannung, tropische Paradiese: Ohnmacht, Tod und Verzweiflung. 15 Flugstunden entfernt und doch direkt vor unserer Haustür. Kein Kriegsgebiet, kein Himmelfahrtskommando, nein, ein ganz „normaler“ Weihnachtsurlaub. Auch wir hätten dort sein können, auch uns hätte die tödliche Welle mitreißen können – ohne Vorwarnung, ohne Chance auf ein Entkommen.

Wie kann Gott so etwas nur zulassen? Immer wieder fragen wir das, wenn wir mit unserem Verstehen am Ende sind, unbarmherzig unsere Grenzen erfahren haben. Wie kann Gott so etwas nur zulassen?

Und dann lese ich in der gestrigen Ausgabe der Zeitung: „Fünf kleine Völker haben in den Wäldern überlebt.“ Drei Tage hatte die indische Küstenwache die Urwaldbewohner auf der nur wenige hundert Kilometer vom Epizentrum entfernt liegenden Inselgruppe der Nikobaren vergeblich gesucht, ihren Tod als sicher angenommen. Doch sie sind wieder da – alle haben überlebt. Offensichtlich haben sie die Zeichen der Natur noch wahrgenommen und sind rechtzeitig vor der nahenden Katastrophe geflohen.

Wir haben es verlernt, die Zeichen zu sehen und zu verstehen. Wir leben oft nicht mehr im Einklang mit unserer Umwelt. Wir haben unsere eigenen Antennen zum Leben abgeschaltet und durch Technik ersetzt. Wir sehen nur noch, was wir sehen wollen, glauben nur an uns selber. Und darum fragen wir: „Wie kann Gott so etwas nur zulassen?“

Doch wir wissen es eigentlich besser.

In der letzten Nacht haben wieder viele das neue Jahr unter dem Kreuz auf der Halde begrüßt. Dieses Kreuz, das uns keine heile Welt verspricht. Dieses Kreuz, das uns sagt: Eure Wohnung ist nicht auf dieser Erde, sondern im Himmel bei meinem Vater. Dieses Kreuz, das uns sagt: Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. Dieses Kreuz, das uns sagt: Ich bin für euch und mit euch durch den Tod gegangen, um euch zum Leben zu führen.

Die Antwort auf unsere Fragen, sie ist längst gegeben. Wünschen wir uns, dass wir im neuen Jahr die Zeichen erkennen und verstehen - und danach leben.

 

Neujahr 2004  - Ludger Terhart

Vor wenigen Tagen haben wir hier in dieser Kirche folgenden Satz gehört: „Mit dem zweiten Weihnachtstag beginnt das Weihnachten des kommenden Jahres.“ Diese Worte haben es in sich. Am zweiten Weihnachtstag ist die heile Weihnachtswelt weiß Gott schon nicht mehr in Ordnung – keine Frieden verkündenden Engel, kein guter Stern über dem Krippenstall, keine fröhlichen Hirten. Statt dessen die Vision eines offenen Himmels - mit der Konsequenz tödlicher Steinwürfe. Nicht nur mundtot gemacht, sondern erledigt. Und dieses Ende soll der Beginn eines neuen Jahres sein?

Wir verbinden mit dem Beginn eines neuen Jahres eigentlich positive Hoffnungen und Erwartungen - für uns, für unsere Familien und Freunde, für die Welt: Gesundheit, Erfolg, Glück, Frieden.

Vergangene Nacht haben wir das neue Jahr wieder laut und bunt mit einem Feuerwerk begrüßt. Auch auf der Halde rund um das Kreuz wurde der Jahreswechsel ausgiebig gefeiert. Es ist immer wieder ein nachdenklich stimmendes Kontrastprogramm: die Ausgelassenheit der feiernden Menschen, die bunten Farben des wogenden Lichtermeeres des Feuerwerks und mittendrin das einfache, ruhige und erhabene Kreuz.

Und das Kreuz sagt uns in das Lichtermeer unserer Hoffnungen und Erwartungen hinein: Die Welt ist nicht gerecht und kennt keinen Frieden. Die Welt wird euch ans Kreuz nageln und mit Steinen bewerfen, wenn ihr Christus folgt.

Aber es sagt auch: Sorgt euch nicht um euch selbst! Wenn ihr auf Gott vertraut, steht euch der Himmel offen!

Vielleicht konzentrieren wir unsere Hoffnungen und Erwartungen zu sehr auf vordergründige Dinge. Vielleicht sollten wir uns wünschen, die Kraft zu bekommen, aufzustehen und uns von den alltäglichen Sorgen zu befreien. Vielleicht sollten wir uns wünschen, den Himmel offen sehen zu können!