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Ursprung der Barbaraverehrung
Nach der Überlieferung ist St. Barbara eine der großen frühchristlichen
Frauen, die für ihre Überzeugung in der Römerzeit den Märtyrertod erlitten
hat. Seit dieser frühen Zeit gehört sie zu den beliebtesten Heiligen sowohl
der römisch-katholischen als auch der griechisch-orthodoxen Kirche. In der
russisch-orthodoxen und in der koptischen Kirche gilt sie gleichfalls als sehr
bedeutende Heilige.
Zuverlässige Unterlagen über das Martyrium der
Barbara, wie Prozessprotokolle öffentlicher Notare oder Gerichtsschreiber sowie
Berichte von Augenzeugen, fehlen hier ebenso, wie bei vielen anderen frühen Märtyrern.
Mündliche Überlieferungen wurden häufig bei späteren schriftlichen Fassungen
zwecks Erbauung der Leser mit recht ausschmückenden Zutaten versehen. Die
legendären Züge wuchsen dabei im Verhältnis zum zeitlichen Abstand vom tatsächlichen
Geschehen.
Über die Passion der Hl. Barbara berichtet erstmals das "Martyrologium
Romanum", das vor dem Jahre 700 aufgeschrieben wurde. In einem wesentlich
älteren Heiligenkalender, dem "Breviarium Syriacum", das vermutlich
schon um 380 in Nikomedia entstand, wo Barbara lebte und um das Jahr 306
enthauptet wurde, fehlt leider die entscheidende Seite mit den im Dezember
verehrten Heiligen, zu denen auch St. Barbara zählt.
Die überaus reiche Legendenbildung um Tod und Martyrium
der Hl. Barbara hat in den letzten Jahrzehnten kritische Geister unserer Zeit
veranlasst, Zweifel zu äußern an der Tatsächlichkeit des Lebens dieser
Heiligen. Bei der Reform der kirchlichen Liturgie 1969 wurde von der römischen
Ritenkongregation sogar vorgeschlagen, das Barbarafest zu unterdrücken. Die
Deutsche Bischofskonferenz hat jedoch, angesichts der Barbaraverehrung in Diözesen
mit Bergbaurevieren, dieses Fest mit päpstlicher Billigung beibehalten.
Das Fehlen von Geburts- und Sterbeurkunden ist kein überzeugendes
Argument gegen die geschichtliche Existenz der Hl. Barbara. Wenn der Kult einer
Heiligen weit mehr als 1500 Jahre überdauert und von vielen Menschen als glaubwürdig
gepflegt wird, kann man davon ausgehen, dass ein historischer Kern der Legende
zugrunde liegt.
Ausgehend von Nikomedia, dem heutigen Izmit in der nordwestlichen Türkei,
breitete sich die Barbaraverehrung tendenziell mit der Ausweitung des
Christentums aus. Die ältesten erhaltenen
Barbarakirchen stehen in Alt-Kairo (5.Jh.)und im Höhlengebiet nahe der türkischen
Stadt Göreme (7.Jh.). Für unsere Breiten ist ein erstes Barbarakloster 1161 in
Trier beurkundet.
Die Legende besagt, dass Barbara, zum christlichen
Glauben bekehrt, vor ihrem reichen, heidnischen Vater Dioskorus aus einem Turm
flüchtete und in einer Erdkluft bei hilfsbereiten Bergleuten Unterschlupf fand.
Sie wurde jedoch entdeckt und wegen ihrer Standhaftigkeit und christlichen Überzeugung
nach der Folterung vom eigenen Vater enthauptet. Anschließend wurde ihr Vater
zur Strafe vom Blitz erschlagen.
Barbaraverehrung im Rheinland
Anfang 2006 bestanden in Deutschland 162 katholische
Pfarrgemeinden mit Barbarapatrozinien. Hinzu kommt eine große Zahl an
Filialkirchen bzw. Kapellengemeinden. Die höchste Zahl mit 21
Barbarapatrozinien gibt es im Bistum Trier. Auch die (Bergbau-) Bistümer Aachen
(12) und Essen (11) sowie das Erzbistum Köln ( 8 ) sind gut bestückt. Leider
stehen heute einige dieser Pfarreien wegen der Stilllegungen im
Steinkohlenbergbau und des damit einhergehenden Struktur- und Bevölkerungswandels
in Existenznöten.
Auch im Ruhrgebiet, am Niederrhein und in Westfalen ist
die Barbaraverehrung unter den Berg- und Hüttenleuten weit verbreitet.
Besonders um den 4. Dezember gedenken die Bergleute ihrer Schutzpatronin mit
Dankgottesdiensten und Festveranstaltungen. Viele Knappen– und
Bergbautraditionsvereine zeigen St. Barbara auf ihren Fahnen. In den bedeutenden
Domen unserer Umgebung Köln, Münster und Xanten ist St. Barbara repräsentativ
vertreten. Zahlreiche Barbaradarstellungen als Holzfiguren, Glasfenster oder in
und an Altären sind in vielen Kirchen anzutreffen. Aber auch Benennungen von
Kirchen z.B. in Oberhausen-Königshardt, Duisburg-Hamborn, Mülheim, Bottrop und
Buer-Erle oder Krankenhäuser in Gladbeck oder Duisburg-Neunühl sowie
Apotheken-, Schiffsbenennungen und fast in jeder Stadt eine Straße zeugen von
der großen Verehrung die St. Barbara auch heute noch in Bergbauregionen genießt.
Auf dem ganzen Erdkreis gibt es Barbarabenennungen für Städte (Santa Barbara),
Burgen, Festungen u.s.w. auf Briefmarken, Wertpapieren und Medaillen. Weit
verbreitet ist St. Barbaras Verehrung als eine der 14 Nothelfer. Allgemein ist
ihre Zugehörigkeit zu den Nothelfern seit dem 15.Jh. erwiesen. Doch gibt es
auch frühere Beispiele aus Südtirol (um 1350) und Regensburg (um 1360). Als
Nothelferin wird St. Barbara vor allem um eine gute Sterbestunde angerufen.
Daher findet man St. Barbara immer häufiger auf Grabsteinen.
Barbarabruderschaften
Um das Jahr 1324 wurde an der Minoritenkirche zu Köln eine Bruderschaft der Hl.
Barbara errichtet. Die Bruderschaften haben kirchliche Bindung. Sie gaben sich
Satzungen, die das Zusammenleben in diesen Bündnissen regelten sowie Werke der
Nächstenliebe und Gebetsvorgaben festschrieben.
Vielseitige und volkstümliche Heilige
St. Barbara gehört zu den 14 Nothelfern. Sie ist nicht
nur Schutzpatronin der Berg- u. Hüttenleute, sondern sie ist auch Patronin der
Artilleristen, Feuerwehren, Feuerwerker, Tunnel- u. Festungsbauer,
Bauhandwerker, Glockengießer, Ärzte, Krankenschwestern und Apotheker. Auch Fähr-
u. Zimmerleute sowie Modistinnen und Hutmacher haben sie zur Schutzpatronin
erkoren. Darüber hinaus wird sie gern als Namensgeberin für Orte, Bergwerke,
Schiffe, Apotheken, Kasernen und Gaststätten genommen. Ein gutes Beispiel für
die Volkstümlichkeit der Hl. Barbara bieten die Puppenspiele der Stadt Köln.
Die weibliche Hauptfigur ist das Bärbelchen. Die Tradition dieses Theaters geht
zurück auf die mittelalterlichen Mysterienspiele, in denen St. Barbara eine
bedeutende Rolle spielte. Lebendig ist noch vielerorts im Rheinland, dass
Barbara als "hellije Frau" in der Nacht zum 4. Dezember braven Kindern
Leckereien in die geputzten Schuhe steckt. Auch der alte Brauch mit den am
Barbaratag zu schneidenden Zweigen, die dann Weihnachten blühen, wird weiter
gepflegt.
Barbaradarstellungen in aller Welt
Nur wenige Heiligengestalten spielen in der bildenden
Kunst eine so bedeutende Rolle wie St. Barbara. Große Namen sind als Schöpfer
von Barbaradarstellungen zu nennen: Meister Francke, Hans Holbein, Jan van Eyck,
Stefan Lochner, Dürer, Riemenschneider, Lucas Cranach u. a. In der
Ikonenmalerei der orthodoxen Kirchen haben Barbaradarstellungen ebenfalls einen
hohen Stellenwert.
Barbara in Oberhausen und Bottrop
Barbarakirche auf der Königshardt seit 1906
Barbarastraße im Rolandviertel in Bezug zur ehemaligen
Zeche Roland (1852-1928)
Barbaraapotheke, Ecke Holtener Straße/Postweg
Barbarafenster in der Liebfrauen-Klosterkirche auf der Schwarzen Heide
Barbarastatue in der Barbarakirche, Königshardt Barbarafenster in der Tür zum
Pfarrbüro St. Barbara
Barbaratuch (Batikarbeit) im Vorraum zur Privatwohnung
von Stadtdechant Breithecker, an der Kirche St. Barbara Barbarastatue in der St.
Pankratiuskirche, Osterfeld
Messgewand der Priester von St. Pankratius, Osterfeld
Barbarastatue vor der ehemaligen GHH Hauptverwaltung an
der Essener Straße
Bottrop: St. Barbarakirche, Knappschaftskrankenhaus, auf
den Schächten der Schachtanlage Prosper-Haniel und auf dem Parkfriedhof
Stilisiertes Barbaraemblem am Schachtgerüst derZeche Franz Haniel
Betrachtung
Nur wenige Heilige spielen in der bildenden Kunst eine
so große Rolle wie die heilige Barbara. Neben den herausragenden Kunstwerken
bedeutender Künstler in den letzten 10 Jahrhunderten gibt es eine unübersehbare
Zahl von oftmals künstlerisch wertvollen und sehenswerten Barbaradarstellungen
in ungeahnten kirchlichen und profanen Bauwerken sowie in religiösen als auch
weltlichen Unterkünften und natürlich auch in Privatbesitz. Es lohnt sich
diesbezüglich auf Entdeckungsreise zu gehen.
Abgesehen von der künstlerischen Bedeutung der
Darstellung und dem Wert, sollte man sich die Frage stellen: Passt die heilige
Barbara noch in das heutige Weltbild? Die Antwort wird sich jeder selbst geben müssen.
Die durch geistige Enge verursachten Ängste des Mittelalters sind heute
verschwunden. Dafür wächst bei vielen Menschen die Furcht vor einer ungewissen
Zukunft. Allgemein wird man sich mehr und mehr des fortschreitenden
Traditionsverlustes bewusst. Können uns in dieser von Unruhe und Hektik geprägten
Arbeitswelt nicht Jahrhundert alte Traditionen einen festen Halt geben? Dem
Wandel der Zeit entgegen steht St. Barbara mit ihrem Mandat des Glaubens immer
noch unter uns. Unter den vielen Hilfesuchenden, die dieser Tradition verbunden
sind, finden sich viele moderne, nüchterne und geschäftsbezogene denkende
Menschen. Auch sie verehren St. Barbara als Helfer und Mittlerin oder auch
einfach symbolisch als charismatische Leitfigur. Häufig geschieht dies sogar
ohne konfessionelle Beziehung, aber mit der Gewissheit, mit dem Erfahrungsschatz
vieler Vorgängergenerationen verbunden zu sein. Die Rückbesinnung auf dieses
mythische Faustpfand kann uns helfen, den Blick für die Wirklichkeit zu öffnen
und hoffnungsvoller in die Zukunft zu schauen. Man sollte davon ausgehen, dass,
wenn der Kult einer Heiligen weit mehr als ein Jahrtausend überdauert und von
vielen Menschen als glaubwürdig gepflegt wird, ein historischer Kern der
Legende zugrunde liegt.
Möge auch weiterhin die heilige Barbara die Berg- und Hüttenleute
unserer heimischen Industrieregion vor Unheil und Unfällen bewahren und ihnen
beistehen.
Alfred Lindemann
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